1286: Erste Beurkundung

Zu den Mecklenburgischen Urkundenbüchern erscheint 1936 ein 25. Band mit Nachträgen. Durch diese Veröffentlichung wird zur Gewissheit, dass der mecklenburgische Ortsname Kastorf ebenso wie der gleichlautende lauenburgische von Christiansdorf- wie man es hochdeutsch ausdrücken muss – herzuleiten ist. 1892 ist bereits von Dr. L. Hellwig aus Archivbeständen des Vereins für die Geschichte des Herzogtums Lauenburg ersehen worden, dass Kastorf eine Verkürzung der alten Bezeichnung Kerstianesdorp ist. Nun liegt unter Nummer 13 788 unter dem Datum vom 1. Mai 1286 die Urkunde vor, die das beweist.

Am 1. Mai 1286 wird das Dorf Kastorf (Kerstendorp) zum ersten Male urkundlich erwähnt. (MUBXXVA, 13788).  Übersetzt aus dem Lateinischen lautet der Urkundentext:

„Konrad, durch die Gnade Gottes Bischof der Ratzeburger Kirche, an alle die das Überreichte sehen, Heil im Herrn Jesus Christus. Wir wollen, daß ihr alle erkennt, daß wir die offenen und besiegelten Urkunden der Herren Herzöge von Sachsen, Albrecht und Johann, gesehen und gelesen haben, deren Wortlaut folgender ist:
Wir, Albrecht, durch die Gnade Gottes, Herzog von Sachsen, Engern und Westfalen und Burggraf von Magdeburg, wollen, daß zur Kenntnis aller gelange, daß wir mit erfolgter Einwilligung des ehrwürdigen Vaters, unseres Herrn Bischofs von Ratzeburg, das Dorf Kerstendorp [Kastorf], das zum Kirchspiel Parkentin [Berkenthin] gehört, der Kirchengemeinde Seuenbomen [Siebenbäumen] wegen ihrer Bedürftigkeit in der Absicht größter Güte, hinzufügen, da die Kirche in Parkentin [Berkenthin], so wird gesagt, Einkünfte im Überfluß habe, daß der Priester auch ohne die Einkünfte des besagten Dorfes ausreichenden Unterhalt haben könne. Deshalb wollen wir, kurz gesagt, daß die Einwohner des obengenannten Dorfes Kerstendorp [Kastorf] der Kirche in Seuenbomen [Siebenbäumen] so wie Pfarrkinder unterstellt werden und dem Priester seine Rechte gewährleisten und ihre Rechte andererseits von diesem empfangen. Damit aber die vorgenannten Bestimmungen unverbrüchlich befolgt werden, haben wir das präsentierte Schriftstück als ersichtliches Zeugnis durch Anhängung unseres Siegels bekräftigt. Gegeben zu Mölln im Jahre 1286, am Tage des seligen Papstes Gregor [12. März].

Wir bekräftigen daher die fromme Handlungsweise, die durch die Herren Herzöge oben vollzogen wurde, durch unsere Autorität, in dem Willen und in der Kraft des heiligen Gehorsams durch strengen Befehl verordnend, daß die Einwohner des Dorfes Kerstendorp [Kastorf], welches Standes sie auch seien, dem Priester in Seuenbomen [Siebenbäumen] als ihrem rechtmäßigen Lenker ehrerbietig gehorchen und von ihm die geistlichen Sakramente empfangen und verlangen sollen, indem sie seine heilbringenden Gebote fest befolgen und ihm nichtsdestoweniger die der Kirche zustehenden Rechte vollständig leisten. Gegeben im Jahre des Herrn 1286 am Tage der Apostel Philipp und Jakob [1. Mai]."

So wörtlich wie möglich hat Historiker Rolf Hammel die Übersetzung vorgenommen. Flüssigere Formulierungen sind bewusst vermieden worden, damit der tiefere Sinn der Urkunde deutlich bleibt.

Anmerkung: Zur Zeit der Beurkundung besteht das Kirchspiel Siebenbäumen wohl erst kurze Zeit. Prange schreibt: „Die Umpfarrung geschah, um die materielle Existenz des Siebenbäumer Pfarrers zu verbessern, doch nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Errichtung dieses neuen Kirchspiels." (Prange 1960, S. 112) Kastorf scheint 1286, im Jahre des Wechsels, herzoglich gewesen zu sein.


1373 wird Kastorf (Kerstorpe) in der Verkaufsurkunde von Weeden (Wedinge ein Gehölz zwischen Kastorf, Sierksrade und Düchelsdorf) ein zweites mal genannt.

1377: Der Lübecker Bürger Arnd Starcke kauft mit Konsens Erich, III.  Herzog von Sachsen-Lauenburg, das Dorf Kastorf für 240 Mark Silber Pfennig von den von Brüdern Eccard und Henneke von Crummesse mit Vorbehalt, es innerhalb der nächsten 20 Jahre wieder einlösen zu dürfen [Lübecker Urkunden-Buch 4, 338]. 1382 leihen sich die von Crummesses weitere 160 ML wodurch sich die Pfandsumme jetzt auf 400 Ml erhöhte.  Und noch im selben Jahr leihen sich die Brüder noch weitere 200 ML mit der Verpflichtung das verpfändete Gut Kastorf nicht die nächsten 40 Jahre  (also bis 1422) wieder einzulösen. Am 22. Februar 1383 verkaufen die Crummesses endgültig Kastorf für 600 ML unter Vorbehalt des Rückkaufs an Starke (s. KARZ Gutsarchiv Niendorf/St. Urkunden Nr. 1-3). Vermutlich 1398 verstirbt Arnold Starke, der mehrfach im Lübecker Niederstadtbuch genannt wird. So hatte dieser z.B. schon 1343 15 Mark an Tidemann Parkentin verliehen. (s. KARZ Gutsarchiv Niendorf/St. Urkunden Nr. 1,2,3)

Am 17. April 1411 errichtet Bischof Johannes von Lübeck die von den Testamentsvollstreckern des Lübecker Bürgers Arnold Starke mit dem Dorf Kastorf (Kerstorp) im Kirchspiel Siebenbäumen gestiftete Vikarie in der St. Jürgen-Kirche vor Lübeck. Die St. Jürgen-Kapelle wurde 1341 vor dem Mühlentor gebaut und lag neben der "Tollkiste" am Weg nach Kastorf.

Auch der Ratmann und ehemalige Bürgermeister Tidemann von Steen (* in Hildesheim; † 1441 in Lübeck) hatte den Rittern von Crummesse geliehen und dadurch die Einlösung erschwert. Deshalb machen Johann, Gerd und Hartwich von Crummesse von ihrem Vorkaufsrecht keinen Gebrauch und überlassen am 10. November 1432 unter Vorbehalt des Wiederkaufs das Gut ihm und seinen Erben. Da es in der Urkunde ausdrücklich heisst: das Dorf und Gut wie Eccard und Henneke es besessen haben, ist anzunehmen, dass Arndt Starke zu den Vorfahren gehört hat. Der Rückkaufpreis wird zwar auf 700 ML bestimmt, jedoch dem jetzigen Besitzer das Recht zugesprochen, Ersatz der zur Verbesserung des Gutes durch Bauten, Aufstauungen und so weiter verwandten Summen zu verlangen. (s. KARZ Gutsarchiv Niendorf/St. Urkunden Nr. 4)

Steen wurde 1405 als Ältermann der Schonenfahrer bekannt. Um 1416 wurde er in den Rat der Stadt Lübeck berufen uns vertrat diese von da an auf allen wichtigen Hansetagen. Er entwickelte außenpolitisches Talent in zahlreichen Missionen für den Stadtstaat und verhandelte mehrfach mit König Erik VII. von Dänemark. 1427 wurde er Bürgermeister und zugleich Oberbefehlshaber der Flotte der Hanse im Einsatz gegen Dänemark. Die von ihm kommandierte Flotte wurde von den Dänen vernichtend geschlagen. Nach Rückkehr nach Lübeck wurde er ob der Niederlage seiner Ämter enthoben und im Marstall in Ketten gelegt. Die Haft wurde auf Betreiben von Fürsprechern gemildert, ab 1430 auf Einwirkung des Kaisers Sigismund in Hausarrest umgewandelt und Ende 1434 aufgehoben. Er besaß das Haus in der Dr. Julius-Leber-Str. 13, heute Löwenapotheke von 1416 bis 1441. Er war zweimal verheiratet. Die zweite Ehe mit Beleke, Tochter des Ratsherrn Hermann Borste, schloß er  1416. Er starb 1441.





rechts: Das Haus in der Dr. Julius-Leber-Str. 13, Wohnsitz von Tidemann Steen von 1416-1442

links: Wappen von Anton von Stiten, wobei das Wappen von Hinrich von Stiten wohl ähnlich ausgesehen haben mag.




Kastorf gelangt dann durch Vererbung an Henning Steen und durch Verheiratung der Wittwe desselben, Metken (Margarethe), einer Tochter des Gerhard Vinke, am 25. Juli 1464 an Heinrich von Stiten († 1481). In der Urkunde von 1464 verspricht Hinriken van Stiten den noch unmündigen Kindern des verstorbenen Henning Steen 50 ML Rente aus Kastorf. Von Stiten ist 1448 Lübecker Ratsherr.

Seine Stieftochter, Windele, heiratet den Bürgermeister Cord Möller, der 1478 stirbt, und verkauft Kastorf am 30 April 1501 an David Dives für 1.000 ML, wobei sie es als ein Erbe von Tidemann Steen bezeichnet und sich und ihren Erben nur ein Vorkaufsrecht, nicht ein Rückkaufsrecht vorbehält. (s. KARZ Gutsarchiv Niendorf/St. Urkunden Nr. 5)

Auch David Dives stammt mütterlicherseits von Tidemann Steen ab (schon 1434 sind die Brüder Berthold (Lübecker Domprobst) und Hinrik (sein Großvater) Dives Zeugen bei der Urfehde des T. Steen). Sein Großvater Hinrich Dives war mit Adelheid Steen verheiratet. David Dives war ein Sohn des Hinrich Dives und war ein sehr reicher lübecker Kaufmann. Dives machte sein Geld vor allem im Osthandel mit Danzig, Reval und Riga. Er wohnte 1486 in der Mengstraße 3. Neben Kastorf und weiteren Stadthäusern war er auch Besitzer von Israelsdorf. Er wird 1500 zum Ratsherr und 1503 zum Bürgermeister gewählt.  Er war  Mitglied in allen drei großen Bruderschaften zur Burg (Heilig-Leichnam, Antonius und Leonhard). Aus seiner Ehe mit Margaretha Sina, Tochter des Johann Sina, sind zwei Söhne und eine Tochter bekannt: David, Ratsherr 1528 und Tiedemann, sowie Dorothea. Er stirbt 1509.

Tiedemann Dives scheint das väterliche Gut Kastorf zu übernehmen, denn er wird von 1530-1545 als Juncker von Kastorf genannt.  Über ihn ist fast nichts bekannt, er wird nur noch in zwei Lübecker Ratsurteilen von 1544 genannt. Sein Bruder David  († 1533; oo 29.08.1527 Anna Freudenberg, Wwe. Warmböke) vererbt seinen Anteil 1570 an seine Tochter Anna (s. KARZ Gutsarchiv Niendorf/St. Urkunden Nr. 6), die den reichen lübecker Bürger und Ratmann Johann Spangenberg heiratete. Mit David Dives Enkel David, der als Knabe in der Trave ertrank, erlosch die Familie Dives im Mannestamm.

Dorothea (Dortie) Dives heiratete den Lübecker Kaufmann Heinrich Gruter/Grütter der dadurch ebenfalls zum Teilbesitzer von Kastorf wurde. So ist Kastorf 1524 unter drei Erben aufgeteilt. Mit dem Tod Heinrich Grüters geht sein Erbe zu gleichen Teilen an seine acht hinterlassenen Kinder, so das Kastorf jetzt auf mindestens 10 Erben verteilt ist. Diese Zersplitterung nimmt in den folgenden Jahren durch Tod und Vererbung noch weiter zu, so dass wir es schließlich 1577 mit mindestens 13 Kastorfer Erben/Besitzern zu tun haben.

Wie soll man sich diese Teilung nun vorstellen? Es war bestimmt keine Gebietsaufteilung. Die Erbengemeinschaft hatte einen Hofmeier, 1575 war es Hans Westpheling, eingesetz, und die Gewinne aus der Hofwirtschaft wurden anteilsmäßig auf die Besitzer verteilt.

Vermutlich hatte nach Tidemann Dives Tod, Nicolaus Wulf oder einer seiner drei Söhne (Caspar, Claus und Hans) die Funktion des Kastorfer Junkers übernommen, denn unter den Kastorfer Flurnamen findet sich 1799  die "Große Wulfsrott"  also die Rodung eines Wulfs. Da sich unter den Kastorfer Bauern aber kein Wulf findet, könnte diese Rodung durch einen Erben Wulf veranlaßt worden sein.

1575 will der lübecker Bürgermeister und auf Bliestorf, Rondeshagen, Sierksrade und Düchelsdorf benachbarte Gutsherr  Christopher Tode seinen ohnehin schon großen Landbesitz noch um Kastorf erweitern. Er kauft Johann Spangenberg und David Dives ihre Anteile für 1000 ML ab und macht sich auf nach Kastorf, um sich als neuer Gutsherrn von den kastorfer Bauern huldigen zu lassen.




 
Die Familie Dives besaß ab 1438 die sogenannte Divessen-Kapelle (unterste Kapelle auf der Südseite) in der Lübecker Marienkirche, die später dann an die Familie von Kolthoff überging.

Das Divessche Wappen rechts  (im rot-gold gespaltenen Schilde zwei streitende Hähne in wechselnder Farbe rot/gold), links Henrich Grutters Wappen (schwarzes Mühlrad auf goldenem Grund).

Epitaph in der Marienkirche, Lübeck (Messingplatte 94 x 59 cm) des verstorbenen Hinrick Gruters (†1524) und seiner Frau Dortie (†1548). Der dazugehörige Grabstein befand sich bis 1894 im Chorumgang.

 
Am 22. Dezember 1570 wird der Verkauf von 1383 mit Konsenz Erich III. (1370-1401) Herzog von Lauenburg  an Arnold Starke den Erben von Kastorf nochmals bestätigt.

Christoph von Tode (*1515, † 1579), Bügermeistergallerie Lübecker Rathaus

1575:  Kastorfer Bauern bieten Lübecker Bürgermeister die Stirn

Der Lübecker Bürgermeister, Christoph von Tode (* 1515, † 1579) begibt sich Mitte September 1575  mit dem Ratmann Johann Spangenberg und David Dives und etlichen Dienern nach Kastorf  und befiehlt dem Bauernvogt auf dem "Bauernhorn" zu blasen, um die Dorfgemeinschaft zu versammeln. Durch Einschüchterung bringt er die Bauern dazu ihn als alleinigen Herrn anzuerkennen und ihm Treue und Gehorsam zu schwören. Er gibt  ihnen auch Geld ( 2ML 3ß), um die dazu  übliche Tonne Rommeldeus (Ratzeburger Bier) zu kaufen. Da die Bauern das Geld zwar nehmen, nicht aber das Bier kaufen und trinken, fehlte nach damaligem Brauch dem ganzen Akt die schließliche Weihe. Die Bauern sehen das gegebene Versprechen nicht als verbindlich an. Die anderen Erben tun sich unter Hans Kolthoff zusammen und erheben ebenfalls Einspruch gegen die Übernahme, erklären Todes Kauf für ungültig, weil die Zustimung der Erben fehlt, senden sie dem Bürgermeister die Kaufsumme zurück, auch die 2 ML 3ß,  die ihnen die Bauern gebracht hatten und verlangen, dass er vom Kauf zurücktritt. Tode weigert sich einige Zeit, gibt aber schließlich nach und entsagt gegen Empfang von 1000 ML seinen Ansprüchen.


 
     
Die Petschaft des Bürgermeisters Christoph Todes  "CT" und sein Wappen 3 Rosen an einem Zweig


Was ist dran an dieser Begebenheit? Die Eigentumsverhältnisse in Kastorf zu dieser Zeit sind nur schwer rekonstruierbar.

Der Lübecker Bürgermeister Christoph Tode ist jedenfalls nachweislich Besitzer der benachbarten Dörfer Bliestorf, Rondeshagen und Sierksrade. Ihm gehört also ein beachtlicher Grundbesitz, der direkt an die Kastorfer Feldmark grenzt. Tode hatte Jura in Wittenberg studiert und verließ die Universität mit dem akademischen Grad eines Licentaten. So hält er als Lübecker Ratsherr des öfteren auch Gericht auf dem Schloß in Ritzerau. Von 1560 bis 1566 ist er Amtmann in Bergedorf. 1566 wird er zum Bürgermeister gewählt. Und von 1567 bis 1570 ist er Kämmereiherr, also Verwalter auch der Lübschen Besitzungen in Lauenburg. Wir haben es also mit nichten mit einem kleinen Möchtegern Gutsbesitzer zu tun. Dieser Mann kennt die rechtliche Situation genau. Seine älteste Tocher Anna (*1547) ist mit dem Lübecker Stadtsekretär Franziskus Knöcker (*1539 Wesloe, † 1.11.1619) verheiratet.  Eine Familie Knöcker (s. Die Familie Knöcker und die Schweinemast) ist 1619 in Kastorf nachzuweisen, die verwandschaflichen Verhältnisse liegen aber leider im dunkeln.

Zu den Bauern: Das ist natürlich ein ungeheurer Affront, den sich die kastorfer Bauern (s. Liste 1575) da gegenüber dem lübecker Bürgermeister leisten. Schließlich ist der Mann ja nicht irgendwer, sondern als Lübecker Bürgermeister einer der mächtigsten Männer  in Norddeutschland. Da mussten sich die Bauern ihrer Sache schon sehr sicher gewesen sein. Denn falls Tode trotz aller Gegenwehr doch ihr Gutsherr geworden wäre, wäre er auch ihr Gerichts- und Dienstherr geworden. Wohl kein guter Start und als einer dieser Bauern hätte man wohl damit rechnen müssen, dass Tode diese zugeführte Schmach nicht ganz unbeantwortet gelassen hätte.

Zu den Besitzverhältnissen: David Dives, Ratsherr und Besitzer von Kastorf verstirbt 1509. Er hinterläßt zwei Söhne David und Tiedemann sowie eine Tochter unter denen das Erbe in gleichen Teilen aufgeteilt wird.  Seine Tochter Dorothea (Dortie), nun zu einem Drittel Besitzerin von Kastorf,  verheiratet mit Hinrich Grütter, verstirbt 1524 (s. Epitaph oben). Dortie stirbt erst 1548. Als Frau ist sie zwar erbberechtigt, aber nicht geschäftsfähig, so dass ihr Drittel durch einen Vormund, vermutlich ihren Brüdern, bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes Paul verwaltet wird. Aus  der Urkunde von 1584 zum Kaufkontrakt vom 29. Mai 1577 (LAS Abt. 65.1 Nr. 672) an den Miterben Hans Kolthoff, geht hervor, dass die Grütters sieben Töchter und einen Sohn Paul hatten. Kolthoff ist mit einer dieser Töchter verheiratet und damit Miterbe und Besitzer eines 24tel von Kastorf.

Wer nach dem Tod des alten David Dives d. Ä. 1509 das Gut übernimmt ist nicht klar. Da aber   Tiedemann Dives 1544,  noch zu  Lebzeiten seiner Schwester Dortie Grütter, als Juncker von Kastorf bezeichnet wird, scheint er spätestens nach dem Tod seines Bruders David 1533, spätestens ab 1537 der neue Kastorfer Gutsherr zu sein. David Dives d. J.  hatte 1533 nur eine Tochter, Anna, hinterlassen, die mit dem reichen lübecker Kaufmann Johann Spangenberg verheiratet war. Wann Tiedemann Dives verstarb ist bisher unbekannt. Seinen Anteil an Kastorf hatte er seinem Sohn David vererbt, so dass Kastorf 1584 unter 13 Erben aufgeteilt war.

Christoph Tode erwirbt 1575 die Anteile von Johann Spangenberg und David Dives und hält damit 2/3 von Kastorf in seinem Besitz. Doch mit diesem Kauf sind die übrigen Erben, die Nachfahren der Dortie Grütter, nicht einverstanden.

24. Oktober 1575: Protest der Erben wegen des Verkaufs an Bürgermeister Christopher Tode. (s. KARZ Gutsarchiv Niendorf/St. Urkunden Nr. 7, 8,9)

Am 29. Mai 1577 einigen sich die Grütterschen Erben darauf dem Miterben Hans Kolthoff das Gut und Dorf Kastorf vorläufig zu überlassen und machen ihn damit zum Junker. Sieben Jahre später, am 30. März 1584 entscheidet man sich dann zu einem Verkauf an Kolthoff für 8000 ML. Somit ist Kastorf 1584 wieder vereint und in einer Hand. (s. KARZ Gutsarchiv Niendorf/St. Urkunden Nr. 10, 11)

1580: Prozeß des Junker Hans Kolthoff gegen Jürgen Wessel

s. Dorf 1465 - 1600

Aus dem Ritzerauer Rechnungbuch (1582-1583) geht hervor, dass der Kastorfer Gutsbesitzer Hans Kolthoff für zwei Taler seine Schweine 1583 in den Sierksrader Wald zu Mast geschickt hat (mehr Familie Knöcker und die Schweinemast). Unter Kolthoff steigt der Wert des Kastorfer Gutes von 1566 noch 6.000 Mark auf 19.000 Mark 1597. Vermutlich ließ er hier ein repräsentatives Herrenhaus im Geschmack der Zeit errichten und hat die Hofwirtschaft erweitert.

1592: Streit um die Landeshoheit von Kastorf

Mit dem Tod ihres Gatten 1592 wird die Wittwe Kolthoff Eigentümerin des Gutes Kastorf. Da sie aber als Frau nicht geschäftsfähig ist, werden ihr nach Lübschen Recht vom Rat der Stadt zwei Vormünder vorangestellt. Zudem entsendet der Rat noch einen Vogten und drei Diener auf den Hof. Damit ist die Wittwe wohl nicht einverstanden und wendet sich im August 1592 an den Herzog Johann Adolf von Holstein (* 27. Februar 1575; † 31. März 1616) in der Hoffnung unter seine Oberbotmäßigkeit zu gelangen. Wie das funktioniert hatten ja schon die von Calven auf Schenkenberg 1568 vorgemacht. Der Holsteiner Herzog argumentiert gegenüber dem Lübecker Rat nun so, dass Kastorf, da es zum Kirchspiel Siebenbäumen gehört und er dort die Patronatsrechte inne hat, auch Kastorf ursprünglich zum Amt Steinhorst gehörte. Dazu muss man wissen, das Herzog Franz von Sachsen-Lauenburg Steinhort 1563 erst verpfändet, dann 1575 an den Herzog von Holstein verkauft hatte.

Mit einem Schreiben vom 8. September 1592 weist der Lübecker Rat darauf hin, das Kastorf "seit Menschen gedenken", die eigene Gerichtsbarkeit besitzt, die Steuern nach Lübeck abführt, das schon immer Lübecker Bürger das Gut mit allen Rechten besessen hätten, und festgelegt sei, dass nur diese Kastorf mit allen Pertinentien kaufen dürften. Kastorf hätte immer schon unter Lübecker Juristiktion gehört und das damit alles rechtens sei.

Der Holsteiner Herzog antwortet am 9. November 1592: Er zweifle die Lübecker Zuständigkeit an, weil Kastorf zum Kirchspiel Siebenbäumen gehört, das in seinem Amt Steinhorst liegt. Er gibt zu bedenken, dass der Umstand "seit Menschen Gedenken" kein Beweis für irgend eine Rechtmäßigkeit sei. Er wolle auch nicht die Rechte des Gutes antasten, aber als Rechtsnachfolger der Herzöge von Sachsen-Lauenburg bezweifle er, dass diese je Kastorf bescheinigt hätten, das dieses ein "Freies Erbgut" sei. Außerdem seien die Siebenbäumer Patronatsrechte kein Beweis für diese Gerechtigkeiten, da diese nicht mit einander verbunden seien.

Der Lübecker Rat antwortet am 27. November 1592: Der  Rat hat sämtliche Vormünder, sowie die übrigen Erben des Hinrich Grütter informiert. Der Rat bittet den "Jungen" Fürsten das nachbarschafliche Verhältnis wegen seines Anliegen nochmals zu überdenken, da man sonst gezwungen sei gerichtlich die rechtmäßigen Ansprüche durchzusetzen.

Der Herzog scheint wenig beeindruck zu sein, dass man ihm gerichtliche Schritte androht und antwortet am 2. April 1593. Er vermute, dass man sein Schreiben wohl nicht richtg verstanden hätte, da Lübeck nach wie vor keinen Beweis für ihre Landeshoheit erbracht hat. So wolle er die Jagdrechte wie auch die Gerichtsbarkeit des Gutes durchaus anerkennen aber die Landeshoheit stehe ihm unstreitig zu.

Am 1. August 1593 antwortet der Lübecker Rat. Er verbitte sich jegliche Einmischung in der Landeshoheit über Kastorf und droht damit die Angelegenheit sonst vor das Reichskammergericht in Speyer zu bringen.
LAS Abt. 400.2 Nr. 95

Letztendlich hatte die Wittwe mit ihrer Klage keinen Erfolg und es blieb alles beim Alten.
Was man damals wohl nicht mehr wußte, ist, dass als Kastorf 1377 bzw. endgültig 1432 an Lübeck ging, noch gar kein Amt Steinhorst bestand, sondern Kastorf zur Vogtei Mölln gehörte und wie man nun gerade am Siebenbäumer Beispiel gut erkennen kann, das Kirchspielgrenzen nicht mit politischen Grenzen übereinstimmen müssen.

1597: Thomas von Wickede wird neuer Besitzer von Kastorf

Henrich Kolthoff, ein Neffe und Erbe des Gutes, lebt in Krimnitz in Siebenbürgen. Verwaltet wird das Gut Kastorf aber durch den Lübecker Bürgermeister Arnold Bonnus und den Ratmann Thomas Rehbein. Als Erbe überläßt Kolthoff im April 1597 Kastorf für 19.000 ML seinem Gläubiger Thomas von Wickede. Auch Wickedes Mutter hatte in Kastorf schon ein Kapital von 823 Mark stehen. Der Lübecker Rat fügt der Kaufbestätigung die Bestimmung hinzu, dass das Gut nur an einen Lübecker Bürger verkauft werden dürfe.

Anno 1566 hat er ... gekauft sein Wohnhaus in der Mengstraße [6] nächst bei der Wedemen [Wehde] aufwärts mit dem Ausgange nach der Beckergrube für 5000 ML. Das Haus ist von den besten Häusern dieser Stadt. Bei demselben ist bei drei diversen Zeiten gewesen das Dorf Kastorf, welches unser Vater, da er das Haus kaufte, um 6000 ML hätte haben mögen, und welches Ao 1597 an H. Thomas von Wickede ward verkauft für 19000 ML.
Auszug aus dem Tagebuch des Lübecker Bürgermeisters Henrich Brokes;
ZdVf. Lüb. Geschichte u. Altertumskunde, Seite 82


Bürgermeister Heinrich Brokes wohnte von 1599 bis 1623 in der Mengstraße 6.



Die Wehde rechts von der Marienkirche

Wie die Aussage Heinrich Brokes zu "drei diversen Zeiten" zu interpretieren ist, ist nicht ganz klar. Sicher ist, als sein Vater Johann Brokes das Haus  gekauft hatte waren die Vorbesitzer:
Ab 1486 David Dives, 1537 Tiedemann Dives (sein Sohn) und dieser hatte es verkauft an Clawes Witte, von dem es dann Johann Brokes 1567 kauft.